Prolog
Spätestens 2 Minuten nach Einsetzen der “nach dem Tamagochi” wohl schrecklichsten Erfindung der Menschheit, wird es Zeit zu realisieren, das ich Heidi, die vollbusige, mit einem Hauch von nichts bekleidete Blondine aus New York und Mercedes, die oben herum nicht weniger gut gebaute, brunette gelockte Aerobiclehrerein aus Barcelona nur meiner ausgeprägten Phantasie zu verdanken habe. Irgendjemand hat mir mal gesagt, das die intensivsten Träume unmittelbar vor dem Aufwachen auftreten. Super! In einem Zustand, der dem eines künstlichen Komas gleicht, hole ich zu einem jahrelang antrainierten rechten Schwinger aus und bringe den Kasten für immer zum Schweigen. Verdient hatte er es alle mal. 06:30 Uhr, geradezu menschenunwürdig, von einem 26 jährigen Taugenichts wie mir zu erwarten, um diese Zeit auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können…. “HEIDI, MERCEDES”.
Noch bevor ich die Toilette erreiche, höre ich, wie Eric, mein mehr oder weniger ungewollter Mitbewohner, in der Küche einen seiner schwedischen Stammeshymnen dudelt. »Is da jemand aus m Bett gefallen?« »Ne, ich bin schon seit zwei Stunden wach und konnte es nicht mehr erwarten, endlich aufzustehen, um mit dir den neuen Ikeakatalog durchzugehen. Vielleicht ist ja n Familienfoto von dir drin.« » Ach Kalli, du immer mit deinen Sprüchen.« Mehr als einen “Gib mir endlich n Kaffee und Lass mich in Ruhe”- Blick habe ich für ihn nicht übrig. »Bist aber spät dran wenn du noch pünktlich zur Arbeit kommen willst!« Irgendwie bekommt er es immer wieder hin, meine sowieso schon schlechte Laune mit einem Satz zu einer Laune mutieren zu lassen, die der Leonardo di Caprios gleicht, als dieser alt genug war, um feststellten, das er im falschen Körper geboren wurde.
Eric ist wirklich das perfekte Beispiel eines schwedischen Austauschstudenten irgendwo vom Lande aus der Nähe von Stockholm. Treu, fleißig, engagiert – das genaue Gegenteil von mir. Wenn ich genau darüber nachdenke, habe ich diesen Wikinger mit der Zeit tatsächlich ein wenig lieb gewonnen. Bisher hat er mich nie belogen, beklaut oder ist heimlich an meine Marijuhanavoräte gegangen. Meine morgendliche Laune und die damit verbundenen Gemeinheiten steckt er ohne Gegenkommentare weg und auch der Kühlschrank hat, seit seinem Einzug vor ca. 6 Monaten weitaus mehr zu bieten, als eine halbe Flasche Ketchup. Ist wohl ein schwedischer Brauch, einen Zettel mit seinem Namen auf Lebensmittel zu kleben, bevor sie in den Kühlschrank kommen.
Ich schütte den Kaffee in mich hinein und verdrücke mich, ohne weitere Worte ins Badezimmer. Angeblich sollen Frauen im Vergleich zu Männern ja die besseren Multitaskingfähigkeiten besitzen. Keine Frau, die das behauptet, stand jemals morgens in meinem Badezimmer. Duschen wird verbunden mit Zähne putzen und Rasieren, und durch das angenehme Plätschern des Wassers fällt es einem leicht, auch noch den niedrigsten Druck auf der eigenen Leitung auszugleichen. Jetzt muss es schnell gehen.
Noch während des Anziehens stelle ich mit einem kurzen Blick auf die Uhr fest, das ich noch genau 2 Minuten und 30 Sekunden habe, bis Murat, der Busfahrer, der seit 25 Jahren die gleiche Tour zur gleichen Zeit der Buslinie 30 fährt, seine Türen schließt und mit, oder ohne mich in Richtung Frankfurter Innenstadt tuckert.
»Hast du mal auf die Uhr geschaut Kalli? Da wird sich der Müller aber freuen wenn du schon das dritte mal die Woche zu spät kommst!« »Alter Schwede,… erspar mir deine Kommentare PAPA!« In Michael Johnson Manier sprinte ich die Strasse hinunter. Keine 100 Meter vom sicheren Ziel entfernt sehe ich die Linie 30 rechtsblinkend am Straßenrand stehen. Während ich alles aus meiner geteerten Lunge heraushole, schließen sich keine 15 Meter vor mir die Türen und ich kann nur erahnen, wie Murat sich vor Freude ein Loch in seinen gefederten Fahrersitz freut.
Um mich zu beruhigen rauche ich meine erste Zigarette. Mit dem Stummel zünde ich mir, um die Wartezeit erträglicher zu machen die Nächste an. Unglaublich, das in einer Grosstadt wie Frankfurt am Main Wartezeiten von bis zu einer halben Stunde zu bestimmten Morgen- oder Abendzeiten an der Tagesordnung sind. Weitere 3 Zigaretten und knapp 1 Stunde später komme ich endlich in der Firma an.
Das Bankhaus Müller ist eine Privatbank mit knapp 300 Angestellten. Nach meiner Ausbildung zum Bankkaufmann vor ca. 10 Jahren und den damit gewonnen Finanzkenntnissen sah ich mein Hauptaufgabenfeld nie darin, das Vermögen unserer Kunden zu vermehren. Vielmehr hatte ich Interesse daran, mit relativ risikoreichen Termin-Geschäften mein eigenes “nicht wirklich” vorhandenes Vermögen zu vergrößern. Kurz gesagt, war ich grundsätzlich immer mit dem kleinen Cent auf der Suche nach dem großen Geld. Den großen Coupe habe ich nie gelandet, obwohl ich mir oft die Frage stelle, wie der Wagen, den ich an diesem gottlosen Ort namens BÖRSE abgestellt habe, ohne ihn jemals zu kaufen wohl aussehen könnte.
Meine Kollegin und Tischnachbarin Maike Neubauer freut sich jedenfalls immer riesig darüber, wenn eines meiner Geschäfte mal wieder gründlich in die Hose gegangen ist. »Na Kalli, wieder mal einen ganzen Haufen Schotter aus m Fenster geworfen was? Hab dir doch gesagt, dass du lieber die Finger von den Optionen lassen sollst!« »Ach, leck mich doch« »Wie bitte, was hast du gesagt?« »Ich sagte, die kommen sicher noch! Haben nur ein paar Anlaufschwierigkeiten.« »Übrigens, der Müller war schon da. Der war nicht sehr erfreut darüber, dass dein Platz schon zum dritten mal die Woche knapp ne Stunde nach Dienstbeginn nicht besetzt ist. Sollst dich um 10 mal in sein Büro melden.«
Das hat mir noch gefehlt. Nicht nur, dass Maike beim lautstarken Verkünden dieser Information ihr hässliches Dauergrinsen aufsetzt und sich ihr schweinchenfarbenes Doppelkinn wie ein Tsunami über ihren Hals rollt, nein, jetzt muss ich mir von diesem 80 jährigen inkontinenten Oberaffen auch noch die niemals abweichende Standartstandpaucke über Pünktlichkeit, Engagement und Teamgeist aufs Ohr drücken lassen.
»Lieber Herr Seiler, sind Sie sich eigentlich bewusst, das Sie durch ihr ständiges zu spät kommen die Arbeitsmoral ihrer ganzen Gruppe in Frage stellen?« »Wissen Sie, es ist nicht meine….« »Davon will ich nichts hören, es ist nie Ihre Schuld, immer sind es die anderen« »Aber Murat, der Busfahrer, wissen Sie, heute morgen…« »Wissen Sie was Herr Seiler, so kann das mit uns nicht mehr funktionieren. Vielleicht ist es besser Sie suchen sich eine Halbtagsstelle. Da können Sie dann auch ohne weiters ausschlafen. Sie haben 2 Stunden, dann möchte Ich, dass ihr Platz geräumt ist. Die Papiere schicken wir Ihnen zu.«
Es ist tatsächlich passiert. Seit 10 Jahren war ich nun bei ein und dem selben Arbeitgeber. 10 Jahre lang habe ich in den Tag hinein gelebt und mir nie Gedanken über solch ein Thema gemacht. Jetzt stehe ich hier, es ist Mittwoch der 09.08.2006 und ich Kalli Seiler wurde aus meiner heilen Welt gerissen, stehe da ohne Job und einem Gehaltskonto meines Arbeitsgebers, dass seit knapp 6 Jahren keine schwarzen Zahlen mehr gesehen hat. Super!
Mehr oder weniger in Trance verlasse ich meinen ehemaligen Arbeitsplatz, mein altes Leben. Von der Fahrt bekomme ich nicht allzu viel mit. Zu allem Übel vergesse ich auch noch den Karton mit meinen letzten Habseeligkeiten aus dem Büro in Murats Bus. Den werde ich wohl nie wieder sehen. Büromaterial wie Locher, Tacker oder Papier habe ich sowieso in Massen zu Hause. “Wer weiß, vielleicht eröffne ich einen Bürogroßhandel” denke ich so bei mir. Zu Hause angekommen habe ich auch diese Idee wieder verworfen.
Als ich den Kühlschrank öffne, entscheide ich mich für ein eiskaltes Bier. Nachdem ich den Post-It mit Erics Namen abgerissen habe, verdrücke mich in mein Zimmer. Eine Situation wie diese schreit förmlich nach einer bewusstseinserweiternden Entspannung. Meine Freundin “Mary Jane” wird sicher die ein oder andere Lösung für mich parat haben.
Ich inhaliere den süßlich schmeckenden Rauch, woraufhin Stück für Stück all die Sorgen von mir abfallen, wie die Kurse der gesamten Wertpapiere meines Depots. Während der Stunden, die, mir nichts dir nichts an mir vorbeiziehen, nippe ich hin und wieder an meinem Bier, und komme zum Entschluss, dass sich das gesamte Leben nur um eines dreht – Geld!
Geld macht Leute nicht nur glücklich, nein, Geld ist die Lösung aller Probleme. Klingt für mich in diesem Moment sehr einleuchtend.
Es muss so gegen 16 Uhr gewesen sein, ich war kurz eingenickt, als ich durch einen sich im Türschloss drehenden Schlüssel geweckt werde.
»Kalli?«
Mist, Peer Samenström ist zu Hause. Schlimmer noch, die Realität hat mich wieder.
»Schau mal wenn ich gerade im Supermarkt getroffen habe!«
Meine Freundin Claudia ist 24. Sie wohnt zusammen mit ihren Eltern in einem Haus nur drei Strassen weiter. Ihr Vater hält mich für einen erfolglosen Nichtskönner. Einmal hörte ich aus Claudias Zimmer, wie er mich einen jämmerlichen Loser nannte, der seinen Arsch nicht hochbekommt und sich Tag für Tag “high” durchs Leben schmarotzt. Ihre Mutter ist das absolute Gegenteil. Nicht nur, dass sie immer ausgesprochen freundlich zu mir ist, für ihr Alter ist sie auch überdurchschnittlich attraktiv. Warum sie gerade Claudias Vater, einen Mann dessen Gesicht einem Hundehaufen gleicht geheiratet hat, war mir immer ein Rätsel.
Claudia selbst hat einen Bürojob in der Firma ihres Vaters, einer Immobiliengesellschaft die sich darauf spezialisiert hat, Häuser billig einzukaufen und nach Restaurierung zu Wucherpreisen an den Mann zu bringen.
Wie ich mit Claudia zusammen gekommen bin, weiß selbst ICH nicht mehr genau. Auf jeden Fall bin ich nach einer Party morgens neben ihr aufgewacht und noch während ich versuchte, die vom Alkohol vergewaltigten Bruchstücke meines Gedächtnisses zu sortieren drückte sie mir eiskalt aufs Auge, wie glücklich sie doch sei, jetzt wo wir beide endlich zusammen sind. Was sollte ich tun, ich wollte sie nicht verletzen, schließlich kannten wir beide uns schon seit der Kindheit. Seit ca. 6 Monaten treffen wir uns nun unregelmäßig ein- bis zweimal die Woche, beschränken uns aber aufs sexuelle. Ich bin damit zufrieden. Wahrscheinlich erhofft sie sich, dass aus uns beiden noch ein richtig glückliches Pärchen wird.
»Wieso hast n du dich heut noch net bei mir gemeldet?« »Sorry, hatte Stress auf der Arbeit!« »Echt, was is n passiert« »Ach, der alte Müller hatte wohl n Furz querhängen und als er merkte, dass er ihn net rausbekommt, hat er alternativ halt mich rausgeschmissen.« »Rausgeschmissen, dass kann jetzt aber doch net dein Ernst sein?« »Nein, ich mach nur Spaß, natürlich ist es mein Ernst!«
So wie es aussieht, ist heute der schlimmste Tag meines Lebens.
Es kommt mir vor, als wäre es Claudias Vater, sein Gesicht versteckt unter einer Claudiamaske, der mit erhobenen Zeigefinger vor mir steht und versucht, mir Ratschläge zu erteilen?
»Mensch Kalli, wie solls denn jetzt weitergehen?«
Nicht nur, dass Claudia mir mit ihren weisen Ratschlägen auf die Nerven geht, auch Mr. Knäkke meldete sich zu Wort.
»Wie willst du denn deine ganzen Rechnungen bezahlen? Handy, Strom, Wasser, Internet?«
Sie haben Recht. Irgendwie ist es mir mal wieder gelungen, mich in hohem Bogen direkt in die Scheiße zu katapultieren. Kalli Seiler, Idiot der Nation.
Ohne ein weiteres Wort von mir, dafür ca. zehntausend Wörter Claudias später kommen wir endlich vor ihrer Tür an.
»So geht es net weiter Kalli, langsam musst du dir echt mal Gedanken über deine Zukunft machen. Morgen früh hole ich uns erstmal die Zeitung und wir beide gehen gemeinsam auf Jobsuche.« Ich nicke und verabschiede sie mit einem Kuss auf die Wange.
Am Geldautomaten wird mir beim Hinweis, ich möge mich bitte mit meinem Kreditinstitut in Verbindung setzen, erstmals der Ernst der Lage bewusst. Was mir bleibt, ist ein 20-Euroschein in meiner Hosentasche.
Nach einer Currywurst mit Pommes an Manuels Imbiss rauche ich die letzte Zigarette meines Päckchens und mache mich auf den Weg zum Kiosk. In der Schlange stehend beobachte ich eine Reihe von Leuten beim Ausfüllen ihrer Lottoscheine. 12 Millionen Euro sind wohl im Jackpot. Ich beschließe mich zu Ihnen zu gesellen, ziehe einen Zettel aus der Mitte des Stapels und beginne meine Kreuzchen zu setzen. Einige Kästchen fülle ich gezielt mit Geburtstagen, Jahrestagen und anderen unbedeutenden Zahlen. Angekommen beim letzen Kästchen sind diese bereits alle vergeben. Statt wahllos irgendwelche Zahlen zu wählen, entscheide ich mich, diesen wundervollen Tag auf meiner Quittung zu verewigen. Der 09.08.2006, ein Tag, der mir als Mahnmal ewig in Erinnerung bleiben soll. Meine Zahlen lauten daher: 2, 6, 8, 9, 20 und 45. Die letzte Zahl errechne ich durch Addition der vorherigen 5. Meine Superzahl ist die “0″, passt ja perfekt! Nach Abgabe des Scheins und einer Packung Zigaretten ist mein letztes Geld verbraucht. Was bleibt, ist ein für 12 Euro erkaufter Traum von Reichtum und der Lösung aller Probleme, der genau so lange anhält, bis ich mir die Zahlen der heutigen Ziehung im Videotext anschaue.
Auf dem Weg nach Hause treffe ich Verena, Claudias Mutter, freundlich wie immer, der sicher noch nichts von meinem heutigen Desaster zu Ohren gekommen ist. »Hi, Kalli, wie geht’s dir?« »Naja, könnte besser gehen.« »Claudia hat mir die Geschichte mit deinem Job schon erzählt. Kopf hoch mein Lieber, findest sicher schnell was neues.« »Bestimmt.« »Komm doch demnächst mal zum Kaffee vorbei, Claudi und Ich würden uns freuen.« »Gern.« Claudias Vater Rainer würde sich vor Aufregung sicher nackt in die Hose scheißen, wenn er wüsste, das seine eigene Frau mich gerade zu Kaffee und Kuchen eingeladen hat.
Nach Aufschließen der Wohnungstür kann ich meinen Augen nicht trauen, als ich Eric tatsächlich auf dem Sofa sitzend im Ikea Katalog blättern sehe. »Na, Post von der Familie?« »Blödmann, der war vorhin unter den Prospekten. Ich such ein neues Regal.« »Was ist denn mit dem alten?« »Weiß auch nicht, irgendwie ist es vorhin, als ich mir ein Buch nehmen wollte einfach von der Wand gefallen.« »Kleb´s doch mit nem Post-It wieder dran, Regal Eric!« »HAHA« »Spass beiseite, wenigstens bekommst du Prozente.« »Lass mal gut sein Kalli, hab jetzt keine Zeit für deine Späße.«
Ich verdrücke mich in mein Zimmer, schalte den Computer ein und surfe ein wenig durchs Internet. Nach ca 1 Stunde habe ich so gut wie alle “Enlarge your Penis” und “Order Viagra” Spams aus meinem Briefkasten gelöscht und melde mich, mit dem Synonym “adonis” in einem Chatroom ein. Bis auf sandy1966 scheint niemand wirklich Lust zu haben, sich mit mir zu unterhalten. Sandy, angeblich sogar ihr richtiger Name, beschreibt sich selbst in ihrem Profil als spanische, blauäugige Prinzessin, mit langen schwarzen Haaren. Nach Anklicken ihres Bildes, dauert es bestimmt 10 Minuten, bis das plötzlich aufgetretene Kotzgefühl ein wenig nachlässt. Prinzessin hat wohl seit sehr langer Zeit nicht mehr in den Spiegel geschaut. Glücklicherweise bin ich nicht erblindet. Die ein oder andere Beleidigung später werde ich von einem der virtuellen Türsteher nach draußen begleitet und beschließe, die Zeit mit einer Runde Pocker und dem Besuch einiger Seiten für Erwachsene zu verbringen. Gegen 21 Uhr wechsele ich von einem Bildschirm auf den anderen, zappe mich durch die einzelnen Programme und schlafe irgendwann ein. Wenigstens werde ich morgen nicht vom Klingeln meines Weckers geweckt.
1 Kommentar »
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Der absolute Hammer…. wer hat n den shit geschrieben :O)
NICE!